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Was definiert Bildung in unserer modernen Zeit? Was macht jemandem zu einem gebildeten Menschen? Und wo findet Bildung überhaupt statt? Über die Förderung echter Bildung, wobei über das veraltete, zwanghafte Schulmodell der vergangenen Jahrhunderte hinausgeblickt wird.

Im Märchen über Rip Van Winkle (Anm.d.Ü.: eine Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving von 1819), einem Dorfbewohner, der im Staat New York im 17. Jahrhundert lebt, wandert dieser in die Wildnis, schläft ein und wacht auf, um sich in einer anderen Welt wiederzufinden. Sein Bart ist dreißig Zentimeter lang, niemand in der Stadt erkennt ihn, und ein Ereignis namens The American Revolution hat stattgefunden. Er ist ein Fremder in einem fremden Land.

Stellen wir uns eine moderne Version von Rip Van Winkle vor: ein Mann, der im Jahr 1919 eingeschlafen ist, ein Jahrhundert lang geschlafen hat und in einer drastisch anderen Welt aufwacht – einer Welt mit transkontinentalen Flügen, Supercomputern im Taschenformat, politischer Vertretung von Frauen und Minderheiten und Millionen Menschen weltweit, die Armut überwinden. Unser Rip Van Winkle wäre schockiert, fasziniert und überwältigt.

Würde Rip sich entspannen wollen, gäbe es glücklicherweise einen Ort, an dem er sich sofort wie zu Hause fühlen würde: die Schule. Das durchschnittliche Schulzimmer von 2019 ähnelt schockierend dem Schulzimmer von 1919: eine willkommene Erleichterung für jeden verwirrten Zeitreisenden. Aber als Rip mehr über die moderne Welt erfuhr, entspannte ihn das Schulzimmer nicht sehr lange.

Warum, könnte er fragen, hatte ein Jahrhundert des Fortschritts die Art und Weise, wie Kinder Bildung zuteil wird, nicht verändert? Warum, in einer Welt, in der Landwirtschafts- und Fabrikarbeit durch kreative und nicht routinemäßige Tätigkeiten ersetzt wurden, saßen die Schüler immer noch in Reihen und machten repetitive Übungen – auch wenn diese Übungen auf iPads statt auf Papier erfolgen? Warum schienen Schulen jungen Menschen vor allem beizubringen, Befehle zu befolgen, in einer Welt, in der die erfolgreichsten Menschen ihre eigenen Wege gingen?

All das erkennend, würde ein moderner Rip van Winkle seine Kinder überhaupt zur Schule schicken? Oder würde er die Schule als hilflos der Zeit hinterherhinkend betrachten und sich für einen radikal anderen Weg entscheiden, um seinen Kindern die Bildung geben zu können, die sie tatsächlich brauchen, um in der modernen Welt zu gedeihen?

photo by: Russell Moore

Schule: Ideal vs. Realität

Eine Realität, auf die sich Liberale und Konservative längst geeinigt haben, ist das »Scheitern« der Schule. In einer Zeit beispielloser politischer Spaltung sollte uns das etwas sagen. Alle sind sich einig, dass Schulen sich ändern, besser werden und aufhören müssen, ihre Schüler »versagen« zu lassen.

Doch gleichzeitig kritisieren wir Schulen, beteiligen uns weiterhin an ihnen, finanzieren sie und akzeptieren ihre Forderungen. Wir schicken unsere Kinder für einen Großteil ihrer wachen Zeit zur Schule, oft gegen ihren Willen. Wir achten auf Testergebnisse und Notendurchschnitte. Warum zeigen wir so viel Vertrauen in etwas, das wir angeblich ablehnen? Unsere Heuchelei rührt meiner Meinung nach daher, dass wir das Ideal der Schule mit der Realität der Schule verwechseln.

Als Ideal ist die Schule schön. Eine Gruppe aufmerksamer Schüler sitzt in einem gut geordneten Klassenzimmer, begeistert von einem leidenschaftlichen und gut ausgebildeten Lehrer. Junge Menschen aller Ethnien und Gesellschaftsschichten arbeiten harmonisch zusammen, sind aufgeschlossen und überwinden Bigotterie. Eine allgemeine Wissensgrundlage wird einer neuen Generation von jungen Menschen vermittelt, die sie auf ein gründliches Hochschulstudium, eine weltweit wettbewerbsfähige Karriere und ein Leben als engagierte Bürger vorbereiten.

Aber hier ist das Problem: Wie schnell ist Ihr Schwachsinn-Detektor angesprungen? Beim ersten Satz? Beim zweiten? Wir haben eine schöne Vision davon, was Schule sein könnte, aber eine unendliche Aneinanderreihung von Nachrichten, Anekdoten und persönlichen Erfahrungen sagt uns etwas anderes. Wähle dein Gift: Mobbing, Langeweile, Übermedikation, TeenagerSelbstmord, Betrug, mangelnde Vorbereitung auf das College oder Mangel an übertragbaren beruflichen Fähigkeiten. Das sind die Realitäten der modernen Schulbildung.

Natürlich hat nicht jede Schule diese Probleme – aber zu viele Schulen haben zu viele davon. In den 80er und 90er Jahren ging ich an gut ausgestattete öffentliche Schulen in Südkalifornien. Ich erinnere mich an das Mobbing, die Schikane, die Kämpfe und Rassenkonflikte – praktisch unbegleitet vom Schulpersonal. Ich erinnere mich an die Gefühle von Irrelevanz, Trennung und quälender Langeweile. Ich erinnere mich an die unbestrittene Schülerkultur, zu kopieren, zu Was definiert Bildung in unserer modernen Zeit? Was macht jemandem zu einem gebildeten Menschen? Und wo findet Bildung überhaupt statt? Über die Förderung echter Bildung, wobei über das veraltete, zwanghafte Schulmodell der vergangenen Jahrhunderte hinausgeblickt wird. betrügen, das System auszuspielen und so wenig wie möglich zu tun.

Ich erinnere mich auch an die Freundschaften, die ich geschlossen habe, ein paar tolle Momente im Klassenzimmer und die Handvoll Lehrer, die mich inspiriert haben. Neben den mittelmäßigen gibt es auch gute Erinnerungen. Denn die Zeit heilt viele Wunden, und es ist einfach, auf die Schule zurückzublicken und sich an die Höhepunkte, die Abenteuer und die magischen Momente der Jugend zu erinnern – die meisten davon wahrscheinlich außerhalb des Klassenzimmers – und die sinnlosen Hausaufgaben, die Berechtigungsscheine für den Toilettengang (Anm. d. Ü.: In amerikanischen Schulen müssen Schüler sich vom Lehrer einen sogenannten »Hall pass« ausstellen lassen, um während des Unterrichts auf die Toilette gehen zu können, der dann in Fluren geprüft wird, wenn man während des Unterrichts dort anzutreffen ist.), die Fensterfront und die Langeweile, die entsteht, darauf zu warten, dass die Lehrer 30 Minuten lang disziplinieren, sodass 15 Minuten engagiertes Lernen stattfinden konnte, zu vergessen. Warum um alles in der Welt sollten wir uns an diese Aspekte von Schule erinnern?

Wir verlassen die Schule, und nur wenige von uns gehen zurück. Wir vergessen die schlechten Erfahrungen und verherrlichen die guten. Und dann, nach zehn oder zwanzig Jahren Erwachsenenleben, ist es Zeit, unsere eigenen Kinder zur Schule zu schicken. Aber wenn wir die Realität der Schule klar einschätzen wollen, müssen wir klarsehen. Und um dies zu tun, hilft es, auf diejenigen zu hören, die in ihr gearbeitet haben. Hier kommen einige von ihnen zu Wort.

John Taylor Gatto
John Taylor Gatto

John Taylor Gatto verbrachte 26 Jahre als Lehrer an einer öffentlichen Schule in New York City und half den Kindern, aus seinem Klassenzimmer in ihre Gemeinden zu gehen, um dort Projekte, Lehrstellen, Geschäfte zu gründen und sich für politische Zwecke einzusetzen. Er gewann drei Jahre in Folge den New York City Teacher of the Year Award und dann den New York State Teacher of the Year Award, bevor er seinen Job kündigte, weil er nicht mehr davon leben wollte, »Kinder zu verletzen«. Gatto begann, weitreichend über das System zu schreiben und zu sprechen, von dem er glaubte, dass er in ihm nicht wirklich Akademisches, sondern sieben versteckte Lektionen lehrte: Verwirrung, Klassenposition, Gleichgültigkeit, emotionale Abhängigkeit, intellektuelle Abhängigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und die Vorstellung, dass man sich nicht vor Autorität verstecken kann. Es war Gatto, der mich im Alter von 21 Jahren inspirierte, meinen eigenen Weg in den Wissenschaften zu verlassen, um Vollzeitstudent der alternativen Bildung zu werden (und sich für sie einzusetzen).

Will Richardson
Will Richardson

Will Richardson arbeitete zwei Jahrzehnte als Erzieher an öffentlichen Schulen, bevor er sie verließ, um mit Eltern, Lehrern und Verwaltern über die offensichtlichen Realitäten in der Schule zu sprechen, die nur wenige Erzieher diskutieren wollen – das, was er die »Elefanten im (Klassen-)Raum« nennt. Einige dieser Elefanten beinhalten: die Tatsache, dass die meisten Schüler die meisten Inhalte vergessen, die sie in der Schule »lernen«; die meisten Schüler sind gelangweilt und abgekoppelt von der Schule; wir bewerten nicht viel von dem, was für den zukünftigen Erfolg wichtig ist; unser Lehrplan ist nur eine Vermutung; und informelles Lernen ist im Zeitalter der Informationsfülle von größter Bedeutung, wo diejenigen, die sich selbst neue Dinge aus verschiedenen Quellen beibringen können, diejenigen übertreffen werden, die nur wissen, was sie in der Schule gelernt haben. Während viele Menschen Lippenbekenntnisse zu »Lernfähigkeiten im 21. Jahrhundert« abgeben, bietet Richardson radikale, konkrete Vorschläge. Beispielsweise, wenn Kursteilnehmer Tests absolvieren, warum lässt man sie nicht ihre Bücher, Telefone und alle anderen möglichen Hilfsmittel benutzen, die sie aufbringen können? So funktioniert Lernen in der modernen Welt und am Arbeitsplatz, warum also nicht in den Schulen?

Grace Llewellyn
Grace Llewellyn

Grace Llewellyn begann ihre Lehrtätigkeit an einer idyllischen, kleinen, privaten unabhängigen Schule in Colorado mit nur 19 Schülern in ihrer Klasse. Aber, wie sie bald in ihr klassisches Underground-Buch, Das Teenager Befreiungs Handbuch, schreiben würde: Llewellyn erkannte, dass »diese kleine, ‘fürsorgliche’, ‘kreative’ Schule im Grunde genommen die gleiche ist wie jede gewöhnliche öffentliche Schule, weil sie das Leben der Schüler kontrollierte«. Sie beendete das Lehren und Unterrichten, um sich dafür einzusetzen, dass junge Menschen die Schule abbrechen (genauer gesagt: über die Schule hinauswachsen) und beginnen, die wahre Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Llewellyns Buch war ein weiterer wichtiger Einfluss auf meine Entscheidung, mit Teenagern außerhalb der Schule zu arbeiten; hier ist die Zeile, mit der sie mich gekriegt hat: »Wie seltsam und selbstzerstörerisch, dass ein vermeintlich freies Land seine Jugend für das Leben im Totalitarismus ausbildet.«

Nicholson Baker
Nicholson Baker

Der Schriftsteller Nicholson Baker arbeitete einen Monat als Aushilfslehrer in seiner Heimatstadt und beobachtete, wie viel Zeit der Schüler einfach verschwendet wurde. Seine Worte fassen meine eigene Zeit in der High School besser zusammen als alle anderen, die ich je gelesen habe: »Die Lehrer verbringen die Hälfte ihrer Zeit damit, sich selbst heiser zu schreien und junge Erwachsene zu infantilisieren. Deren Leben ist absurd reglementiert. Jede Minute wird abgerechnet. Sie sitzen in einem heißen Raum nach dem anderen und warten auf das Ende jeder Klasse. Die Zeit verdichtet sich. Sie wird wie Toffee – zäh und klebrig, dehnt sich aus und faltet sich durch endlose Wiederholung wieder zusammen.«

Verärgerte Ex-Lehrer sind die mächtigsten Kritiker, aber wir dürfen nicht nur auf sie hören. Wenn Sie das nächste Mal jemanden treffen, der in der Schule arbeitet, fragen Sie ihn nach seinen täglichen Erfahrungen. Nicht die Vision, sondern die Realität. Wie engagiert sind die Kinder? Wie viel Zeit verbringen sie sinnvoll und produktiv? Wie viel davon wird gebraucht, um sie dazu zu bringen, still zu sitzen, sie zu überwachen und zu disziplinieren? Wie viel Autonomie haben Lehrer, um beste Arbeit zu leisten, und wie viel sind sie nur Abfrager standardisierter Tests? Wie ist das Leben für die Kinder und Erwachsenen, die Stunden, Wochen und Jahre ihres Lebens in der Institution, die wir Schule nennen, verbringen?

Wir alle wollen, dass die Schule »arbeitet«. Wir wollen das schöne Potenzial ihres Ideals realisieren. Aber wenn die Realität der Schule unserer Vision von ihr – wie sie es seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Generationen ist – konsequent widerspricht, was denken wir dann?

photo by: costculator.com

Eine bessere Definition von Bildung

Wir halten Schule weiterhin hoch, weil wir glauben, dass die Schule der beste Ort ist, um Bildung zu erhalten. Aber was bedeutet das?

Wenn die meisten Menschen davon sprechen, »Bildung« zu erhalten, sprechen sie davon, Abschlüsse, Diplome und Zertifikate zu sammeln. Wir treffen jemanden mit einem Master-Abschluss und bezeichnen ihn als »gut ausgebildet«. Aber natürlich geht es nicht nur um das Stück Papier: Wenn Harvard, Yale und Stanford jedem Menschen auf der Welt ehrenamtliche Doktortitel ausstellen würden, würde das nicht die Menschheit bilden. Das wäre eine Schande.

Vielleicht ist Bildung also »ein Abschluss, für den man arbeiten muss«. Aber was ist mit dem Studenten, der ein Semester vor dem Abschluss seines Studiums abbricht – ist er ungebildet? Was ist mit der hohen Anzahl von versierten Menschen, die nie das College oder die High School abgeschlossen haben, den Millionen, die sich jeden Tag Dinge online selbst beibringen, oder den Generationen über Generationen, die die Welt aufgebaut haben, die wir kennen, bevor die formale Schule in den späten 1800er Jahren erfunden wurde? Ein Abschluss ist natürlich nicht zwingend erforderlich, damit Bildung stattfinden kann.

Vielleicht geht es bei Bildung wirklich um Macht am Arbeitsplatz. Gebildete Menschen werden besser bezahlt – die Beweise sind an der Stelle eindeutig. Warum also setzen wir Bildung nicht einfach mit beruflichen Fähigkeiten und finanzieller Rentabilität gleich? Um darauf zu antworten, berufe ich mich auf den ehemaligen Yale-Professor William Deresiewicz, der zur Verteidigung der Geisteswissenschaften schreibt:

»Du brauchst einen Job, aber du brauchst auch ein Leben. Was ist die Rentabilität im College? Was ist die Rentabilität, wenn man Kinder hat, Zeit mit Freunden verbringt, Musik hört, ein Buch liest? Die Dinge, die es am meisten wert sind, getan zu werden, sind es wert, um ihrer selbst willen getan zu werden. Jeder, der Ihnen sagt, dass der einzige Zweck der Bildung der Erwerb von abrechenbaren Fähigkeiten ist, versucht, Sie zu einem produktiven Angestellten bei der Arbeit, einem leichtgläubigen Verbraucher auf dem Markt und einem gefügigen Subjekt des Staates zu machen.«

Offensichtlich wollen wir mehr von »Bildung« als nur berufliche Fähigkeiten; warum sonst schätzen wir weiterhin Literatur, Geschichte und Kunst? Warum sonst sollte sich eine Wildnisreise, eine gute Diskussion, eine ernsthafte Beziehung oder ein internationales Abenteuer bedeutender anfühlen als ein ganzes Schuljahr? Bildung, die nur darauf vorbereitet, Geld zu verdienen, ist in der Tat eine begrenzte Bildung.

Was bedeutet es also, gebildet zu sein? Lassen Sie mich die beste Definition zitieren, die ich nach anderthalb Jahrzehnten der Suche von John Taylor Gatto erhalten habe:

»Was auch immer Bildung ist, sie sollte dich zu einem einzigartigen Individuum machen, nicht zu einem Konformisten; sie sollte dir einen originellen Geist geben, mit dem du die großen Herausforderungen angehen kannst; sie sollte es dir ermöglichen, Werte zu finden, die dein Plan durch das Leben sein werden; sie sollte dich geistig reich machen, eine Person, die liebt, was auch immer sie tut, wo immer sie ist, mit wem sie zusammen ist. Sie sollte lehren, was wichtig ist, wie man lebt und wie man stirbt.«

Wenn das zu wortreich ist, gestatten Sie mir, eine Ein-Satz-Zusammenfassung vorzuschlagen: Bildung ist die Fähigkeit, Ihr eigenes Leben zu gestalten, anstatt nur das zu akzeptieren, was Ihnen vorgegeben wurde.

Betrachten wir zuerst, was in dieser Definition fehlt: Notendurchschnitt, standardisierte Testergebnisse und Hochschulranking. Dies sind die Primärzahlen, mit denen wir uns gegenseitig bewerten und vergleichen, die Zahlen, über die wir den Schlaf verlieren. Doch welche dieser Zahlen ist am Ende wirklich wichtig? Erwachsene sprechen nicht über ihre Testergebnisse auf Partys, zumindest keine, mit denen Sie Zeit verbringen möchten. Niemand wird von einem Bus angefahren, liegt dort und wünscht sich, er wäre auf ein höherrangiges College gegangen; sie denken darüber nach, ob sie ihre Lieben gut behandelt haben, ihren Träumen folgten und ein sinnerfülltes Leben führten. Wenn Bildung so wichtig ist, wie wir es uns vorstellen, dann stimme ich mit Gatto überein, dass sie sich mit den großen Fragen des Lebens befassen muss – nicht nur mit den Zahlen, die sich am besten für Statistiken, Berichte und Vergleiche eignen. Diejenigen mit einem konservativen Hintergrund mögen diese Definition als eine Aufforderung sehen, Familientraditionen und gesellschaftliche Normen aufzugeben; diejenigen mit einem liberalen Hintergrund könnten einen Ruf nach übermäßiger Individualität hören. Aber sein eigenes Leben zu gestalten, bedeutet nicht unbedingt, einen radikal anderen Weg zu wählen als den seiner Familie, Religion oder Kultur. Es verlangt einfach eine geprüfte, informierte Entscheidung und nicht eine blinde oder erzwungene.

Wer seinen eigenen Weg wählt, kann frei aus einem der vielen etablierten Wege des Lebens wählen. Es ist nichts falsch daran, Buchhalter, Klempner oder Hausangestellter zu werden. Aber wenn man als gebildeter Mensch einen dieser Wege geht, bedeutet das, dass man es nicht nur tut, weil es einem jemand gesagt hat. Sie tun es, weil Sie Ihre Hingabe verstehen, sich Ihrer Alternativen bewusst sind und Sie wirklich glauben, dass Sie diese Entscheidung für sich selbst treffen.

Die Ideen, für die ich hier plädiere, sind einfach und, wie ich glaube, unumstritten: Mehr Kontrolle über das eigene Leben ist besser als weniger Kontrolle. Die Maximierung der Zeit, die Sie damit verbringen, Dinge um ihrer selbst willen zu tun, ist wertvoller als die Zeit, die Sie damit verbringen, Dinge aus Verpflichtung, Scham, Angst oder Zwang zu tun. Eine gebildete Person weiß, was sie tun will, und dann tut sie diese Dinge. Sie hat eine Vision, und dann führt sie diese Vision aus.

Aber könnte Bildung wirklich so einfach sein? Könnte es wirklich nur darum gehen, »sein eigenes Ding zu machen«? Ja, aber in dieser Einfachheit gibt es auch Tiefe. Die Selbstbestimmungstheorie, eine allgemein anerkannte Theorie der menschlichen Motivation, geht davon aus, dass alle Menschen drei angeborene Bedürfnisse haben: Autonomie (Kontrolle über ihre Handlungen), Kompetenz (Gestaltungshoheit) und Verbundenheit (positive Beziehungen zu anderen Menschen).

A brief introduction to Self-Determination Theory (1:49)

Wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind, können Menschen mit intrinsischer Motivation handeln: Sie können Dinge (auch sehr herausfordernde Dinge) um ihrer selbst willen tun. Aber wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden, schwankt die intrinsische Motivation; wir wollen die Dinge nicht mehr um ihrer selbst willen tun. Dann ist extrinsische Motivation gefragt – also Drohungen und Bestechungsgelder –, um Menschen zum Handeln zu motivieren.

Intrinsische Motivation ist das, wovon wir mehr in dieser Welt brauchen. Die Geschichte ist eine lange blutige Aufzeichnung von Kriegen, Sklaverei, Knechtschaft, religiöser Verfolgung und anderen Formen extrinsischer Motivation – mit einem kurzen, lichten Fenster in den letzten 200 oder 100 oder 50 Jahren (je nachdem, von wem wir sprechen), wo gewöhnliche Menschen tatsächlich die Chance hatten, ihr eigenes Ding zu machen.

Doch extrinsische Motivation ist ganz klar die Lebensader der Schulbildung, mit ihrem ausgeklügelten System aus Noten, Goldsternen, Klassenbestenlisten, Nachsitzen und Bedrohungen auf niedriger Ebene. Dies ist im Hinblick auf die Selbstbestimmungstheorie sinnvoll, da die Schule wenig tut, um die Grundbedürfnisse der Schüler nach Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit zu erfüllen.

  • Autonomie in der Schule ist ein Witz, es sei denn, man erwägt, ein Wahlfach oder ein Aufsatzthema als »echte Wahl« zu bezeichnen. Du musst die Erlaubnis erhalten, um einfach nur auf die Toilette gehen zu können.
  • Kompetenz kann sich in der Schule nicht entwickeln, weil die Schüler gezwungen sind, ein wenig über alles und über nichts tiefer zu lernen. Und wenn ihre Interessen außerhalb der traditionellen akademischen Fächer liegen – wenn sie z.B. Videospiele programmieren wollen – haben sie in der Schule fast keine Chance, diese Fertigkeit zu entwickeln.
  • Verbundenheit, d.h. qualitativ hochwertige persönliche Beziehungen und Zugehörigkeitsgefühl, ist vielleicht das dringendste Bedürfnis des jungen Menschen. Aber wie kann sich die Verbundenheit im streng regulierten Bereich des Klassenzimmers und den flüchtigen Momenten von Mittagessen und Pause entwickeln? Das soziale Umfeld der Schule ähnelt dem in »Herr der Fliegen« mehr als jede andere Gemeinschaft.

Wenn wir junge Menschen darauf vorbereiten, mit intrinsischer Motivation in dieser Welt zu handeln – ein Leben in gezielter Selbststeuerung zu führen –, dann scheitern wir tatsächlich. Denn in den meisten Schulen gibt es keine wirklichen Entscheidungen zu treffen, keine wirklichen Fähigkeiten zu entwickeln und keine Chance, sich wirklich mit anderen jungen Menschen zu verbinden. Es ist kein Wunder, dass, müsste man sich für eine gesellschaftliche Institution entscheiden, die der Schule am nächsten kommt, es das Gefängnis wäre.

Was auch immer Bildung ist, sie muss befähigen, ein eigenes Leben zu führen. Sie muss die Chancen minimieren, manipuliert zu werden, zur Schachfigur gemacht zu werden, ein Schauspieler im Spiel eines anderen zu sein. Jeder Ort, der behauptet, zu »bilden«, muss jungen Menschen echte Autonomie geben, ihnen helfen, tatsächliche Kompetenzen zu entwickeln und tatsächliche soziale Beziehungen unterstützen. Er muss selbstbewusste und selbstmotivierte Menschen hervorbringen, keine angstgesteuerten Arbeiterbienen, die auf ihre nächsten Befehle warten. Bildungsorte müssen die Menschen inspirieren und zusammenbringen – so wie wir uns das Ideal der Schule vorstellen –, nicht ihre Seelen zerquetschen und sie voneinander isolieren – wie es allzu oft die Realität der Schule ist. Aber gibt es solche Orte? Kann es sie geben?

photo by: Denise Geddes

Die goldene Ära der selbstgesteuerten Bildung

Eine stille Revolution inspirierte während der letzten zwei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten die nächste Generation von Bildungsalternativen. Die frühere, größere, lautere Revolution war natürlich die Gegenkultur der 1960er Jahre, die uns die erste Generation von Schulkritikern brachte und eine Flutwelle neuer alternativer Schulen und Hochschulen auslöste. Aber das Imperium schlug zurück, die meisten der radikalen Schulen schlossen, und die Bildungseinrichtungen machten in den siebziger und achtziger Jahren eine vollumfängliche Kehrtwende, mit einem erneuten Fokus auf Prüfungen. Erst im letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der alternativen Bildungsbewegung neues Leben eingehaucht. Kreiden Sie es dem Fall der Berliner Mauer, dem Aufkommen des Internets, dem Wohlstand der Clinton-Ära oder den Hippies, die letztlich Kinder bekamen, an. Aus dem einen oder anderen Grund fassten eine Reihe von pädagogischen Experimenten Fuß, und ihre Schwungkraft wächst erst seit den vergangenen zwanzig Jahren.

Lesen Sie Ken Danfords Umfrage über North Star Alumni

In Massachusetts kündigten die Mittelschullehrer Ken Watford und Joshua Hornick Mitte der 90er Jahre ihre Arbeit, um ein Lernzentrum zu gründen, das alle Vorteile einer großen fortschrittlichen Schule bot – fürsorgliches Personal, interessante Fächer, viel Zeit für intensive Diskussionen – ohne die Zwangsoder willkürlichen Einschränkungen der Schule. So wurde North Star geboren: Selbstgesteuertes Lernen für Jugendliche – ein Ort, der eher wie ein Gemeindezentrum als wie eine Schule funktioniert, wo die Mitglieder frei sind, jede Art von Unterricht oder Club oder Aktivität zu besuchen, die ihnen gefällt, mit der einzigen Voraussetzung, dass sie sich regelmäßig mit einem Studienberater treffen. Die Teilnehmer können zwischen einem und vier Tagen pro Woche wählen, viele haben einen Teilzeitjob oder besuchen gleichzeitig ein College. North Star berechnet zwischen $3.000 und $7.500 pro Jahr (abhängig davon, wie viele Tage pro Woche jemand teilnimmt) und hat nie eine Familie wegen mangelnder Zahlungsfähigkeit abgewiesen. Inspiriert vom North Star-Modell haben mehr als ein Dutzend anderer Gruppen in den letzten zehn Jahren ähnliche Lernzentren in den USA und Kanada eröffnet.

Not Back to School Camp
Teens at ‘Not Back to School Camp’, photo by Skye Posey

Grace Llewellyn beobachtete in den neunziger Jahren, dass Homeschooling, das kürzlich in allen fünfzig Vereinigten Staaten legal geworden war, der schnellste Weg zur Bildungsfreiheit für junge Menschen war. Llewellyn machte es sich zur Aufgabe, Homeschooling zu fördern, aber nicht in seiner traditionellen, religionsnahen Form; sie plädierte für Unschooling – die radikalere, selbstgesteuerte Version von Homeschooling – und gründete ein Sommercamp für Jugendliche namens Not Back to School Camp (in dem ich seit mehr als einem Jahrzehnt arbeite). Heute kann man in den Vereinigten Staaten die Schule vorzeitig verlassen und von unzähligen lokalen Gruppen, Online-Communities und Konferenzen Unterstützung erfahren. Homeschooling-«Absolventen« erleben nur wenige Barrieren beim Eintritt in das College und das Arbeitsleben. Und man muss nicht nur zwischen Homeschooling und Unschooling wählen: Familien experimentieren jetzt mit Micro-Schooling, Worldschooling und anderen neuartigen Varianten des Homeschooling, die alle verschiedene Ebenen von Struktur, Freiheit und formalem Unterricht bieten.

Demokratische Schulen sind Orte, an denen alle Mitglieder der Schule in allen wesentlichen Fragen, einschließlich der Einstellung und Entlassung von Personal, gleichberechtigt abstimmen können. (Ja, selbst die 5-Jährigen dürfen darüber abstimmen, wer eingestellt werden soll!) Solche Schulen waren in den späten 60er und frühen 70er Jahren sehr beliebt und wurden dann von der Landkarte gestrichen – aber eine von ihnen, die Sudbury Valley School, besteht beharrlich seit 1968. Vor allem dank der Führung der Sudbury Valley School erlebten die neunziger und frühen 2000er Jahre einen Boom an Sudbury-Modellschulen und anderen Demokratischen Schulen, sowohl in den USA als auch weltweit.

Im Bereich der öffentlichen Schulen war es immer schwierig, den Schülern die Freiheiten und Verantwortlichkeiten zu gewähren, die private Organisationen wie North Star oder Sudbury haben – aber dennoch sind einige inspirierende Charter- und Magnetschulen entstanden, darunter Orte wie High Tech High in San Diego, Science Leadership Academy in Philadelphia und Jefferson County Open School in Denver.

Die traditionellen fortschrittlichen Alternativschulen – Montessori, Reggio und Waldorf – verbreiten sich weiterhin auf der ganzen Welt und bieten einen glücklichen Mittelweg zwischen traditioneller Schule und radikaleren Alternativen.

Schließlich haben sich in den letzten Jahren die Welten des technischen Unternehmertums und des selbstgesteuerten Lernens verschmolzen, um eine Reihe innovativer Alternativen wie Agile Learning Centers, Acton Academy, AltSchool, BrightWorks und Khan Lab School hervorzubringen. Diese Schulen und Zentren nutzen intensiv die Informationstechnologie und die Prinzipien der Designtheorie, des Lean Business und des »umgedrehten Unterrichts«, um Lernumgebungen im Einklang mit dem 21. Jahrhundert zu schaffen.

Die Pointe hier ist: Bildungsalternativen existieren nicht nur – sie gedeihen auch positiv. Alternative Schulen und Lernzentren entstehen überall. Das gesetzliche Recht auf Homeschooling besteht in Nordamerika, Großbritannien, Australien, Neuseeland, Südafrika und einer wachsenden Anzahl von Ländern in Europa, Asien und Lateinamerika. Ein zunehmender Respekt vor dem Unternehmertum verleiht den selbstgesteuerten Lernpfaden Glaubwürdigkeit.

Für diejenigen, die ihr Leben selbst gestalten wollen – und ihren Kindern helfen wollen, dasselbe zu tun –, gibt es keine bessere Zeit, um zu leben.

photo by: GPE/Jawad Jalali

Möglichkeit und Zugang

Natürlich erstrecken sich die Möglichkeiten dieser neuen goldenen Ära nicht auf alle. Denn wer hat eigentlich schon von »Demokratischen Schulen« oder »Unschooling« gehört, außer einem kleinen, privilegierten Teil der Gesellschaft? Wie viele von uns haben das Glück, in der Nähe einer angesehenen Charterschule zu leben? Wie viele können es sich leisten, 25.000 Dollar pro Jahr an AltSchool oder BrightWorks zu zahlen, ganz zu schweigen von den 3.000 bis 10.000 Dollar Schulgeld, die an preiswerteren Orten wie Sudbury Valley School oder North Star ausgegeben werden? Homeschooling ist kostenlos, aber wie viele Familien können tatsächlich die Zeit und Aufmerksamkeit aufbringen, die erforderlich sind, um es gut zu tun? Wie viele Länder verbieten noch Homeschooling und sehr alternative Schulen, und wie viele machen es praktisch unmöglich, ohne Abitur oder Schulabschluss ans College oder in die Arbeitswelt zu gehen?

Es gibt stichhaltige Kontrapunkte zu dem rosigen Bild, das ich gemalt habe. Und wir können noch weiter gehen: Was ist mit den benachteiligten Kindern aller Nationen, die tagsüber nur einen warmen und sicheren Ort brauchen – und dieser Ort heißt Schule? Was ist mit den Hunderten von Millionen von Kindern, die weltweit in Armut leben und keinen Zugang zu selbst der elementarsten Grundschule haben? Was gibt uns – zumeist westlich und wohlhabend – das Recht, uns über Schulen zu beschweren?

Es ist wahr. Wenn Ihr Kind eine sichere öffentliche Schule mit fürsorglichen und aufmerksamen Erwachsenen besuchen kann, dann haben Sie bereits die Bildungslotterie gewonnen. Es ist wichtig, den eigenen historischen Kontext und Platz in der Welt zu erkennen.

Aber wie weit geht dieses Gegenargument »nicht darüber klagen«? Stellen wir uns vor, jemand hat ein Kind, das auf eine anständige öffentliche Schule geht. Der Kritiker könnte sagen: Was soll’s, wenn sich das Kind manchmal langweilt? Oder geistlose Fleißarbeiten erledigen muss? Oder ein bisschen gemobbt wird? Oder die Kombination aus Klassenarbeiten, Noten und Hausaufgaben sie zu ängstlichen Wracks macht? Ist das wirklich wichtig? Sie gehen auf eine gute Schule. Hör auf zu jammern!

Aber natürlich sind diese Dinge wichtig. Wir sprechen hier von Ihrem Kind, nicht von einer historischen Statistik. Wollen wir wirklich, dass sie ihr junges Leben in einem bedeutungslosen Zwischenlager verbringen, wenn wir es vermeiden können? Wollen wir wirklich, dass sie als Versuchskaninchen für die nächste Runde der Bildungsreform auf Bundesebene dienen? Wenn Ihr Kind offensichtlich im Mainstream-System umherirrt und Sie die Mittel haben, einen alternativen Weg zu gehen, warum um alles in der Welt sollten Sie es nicht tun? Wie William Deresiewicz über die vierjährige Erfahrung des Liberal Arts College schrieb: »Ist das ein Privileg, von dem die meisten jungen Menschen auf der Welt nur träumen können? Auf jeden Fall. Aber du wirst dich nicht selbst herausnehmen können, indem du es wegwirfst. Zumindest ist es besser, etwas Gutes daraus zu machen.« Amen. Wer die Chance hat, echte Bildung und nicht nur Bildung zu erhalten, nutze sie. Nichts könnte wichtiger sein.

Einige Leute argumentieren, dass wer privilegiert ist, eine Verpflichtung habe, die Kinder im öffentlichen Schulsystem zu halten, weil es zu verlassen bedeute, sowohl die Steuergelder als auch den positiven Einfluss des Kindes auf die anderen Schüler zu entziehen. Sie sagen, dass Bildung ein öffentliches Gut ist – eine besser gebildete Gesellschaft nützt allen –, deshalb müssen wir uns alle zusammenschließen, um öffentliche Schulen zu unterstützen.

Ich sehe die Logik dieses Arguments, und ich glaube, dass Bildung ein öffentliches Gut ist – aber ich finde ein anderes Argument überzeugender. Wenn die öffentliche Schule ein sinkendes Schiff ist, das sehr wenig tatsächliche Bildung leistet, dann denke ich nicht, dass wir uns selbst helfen, indem wir uns um es herum versammeln. Ich denke, dass privilegierte Familien mehr Gutes tun können, indem sie mit radikalen Bildungsalternativen experimentieren, von denen einige verpuffen werden, von denen einige aber auch das Potenzial für eine breite Anwendung haben werden. So entstehen Innovationen: Early Adopters ebnen den Weg für Mainstream-Nutzer. Es fehlt uns nicht an Ressourcen in der Bildung, sondern an guten Ideen. Diese guten Ideen entstehen nicht aus verbissener Treue zum kaputten alten System, sondern aus unzähligen kleinen pädagogischen Experimenten, sowohl öffentlich als auch privat, kombiniert mit neuartigen Mechanismen, um den besten Ideen zu Ruhm zu verhelfen, wie dem jüngsten XQ Super School Project, das 50 Millionen Dollar für innovative neue High School-Modelle ausgab. Das Rezept von John Taylor Gatto zur Gesundung des Systems trifft den Nagel auf den Kopf: »Nur die frische Luft von Millionen und Abermillionen frei getroffener Entscheidungen wird das Bildungsklima schaffen, das wir brauchen, um ein besseres Schicksal zu verwirklichen.«

Nicht jeder kann alternative Bildung durchlaufen – wenn Sie das also tun, erkennen Sie auf jeden Fall Ihr Glück und Ihre Privilegien an. Aber denken Sie auch daran, dass Bildung und Schulbildung nicht dasselbe sind, und Sie schulden Schulen keine Loyalität gegenüber, die wenig Bildung anbieten. Nutzen Sie stattdessen Ihr Privileg, neue Bildungswege in einer Welt zu beschreiten, die sie dringend braucht.

photo by: Janet Moore-Coll

Zurück zu den Grundlagen

Würde Rip van Winkle seine Kinder also auf eine traditionelle Schule schicken – auch eine gut finanzierte? Vielleicht nicht. Es wäre nicht nur die Schule, gegen die er rebellieren würde – es wäre die ganze Kultur, wie wir mit Kindern umgehen. Er würde die Helikopter-Eltern sehen, deren Kinder keine 400 Meter zur Schule gehen können, und die Schneepflug-Eltern, die den Hochschulprofessor ihres Kindes anrufen, um gegen eine niedrige Note zu argumentieren. Er würde die Hürden sehen, die wir vor jungen Menschen errichten, die eine Erwerbstätigkeit, Praktika oder Lehrstelle suchen. Er würde sich fragen, wie lange das Zeitalter der Adoleszenz jetzt dauert und wie wenig echte Arbeit wir von jungen Menschen verlangen.

Möglicherweise würde Rip van Winkle auch seine Kinder körperlich disziplinieren, darauf bestehen, dass sie im Alter von 14 Jahren einen Vollzeitjob annehmen, mehr von seinen Söhnen als von seinen Töchtern erwarten und ab und zu einige rassische Epitheta raushauen. Die Verherrlichung der Vergangenheit ist nicht der Weg in die Zukunft.

Aber die einfache Tatsache, dass sich ein Mensch von vor einem Jahrhun dert heute in der Schule so wohl fühlen würde, sollte uns etwas sagen. Die Welt hat sich verändert, die Schule nicht. In dem Maße, in dem die Schulen jemals Bildung angeboten haben, sind sie ihrer Verantwortung nicht nachgekommen. Unsere idealistische Vision von Schule lebt weiter, trotz der abweichenden Bedingungen vor Ort. Junge Menschen ziehen mit einer beispiellosen Anzahl von Unterrichtsstunden, investierte Dollar für ihre Ausbildung und Abschlüssen in die Welt – aber mit einer verkümmerten Fähigkeit, ihr eigenes Leben zu gestalten.

Das ist unsere Realität, aber es muss nicht Ihre Realität sein. Wenn Sie in der Nähe einer innovativen Schule oder eines Lernzentrums wohnen, hoffe ich, dass Sie es sich anschauen werden. Wenn Sie in einem Land wohnen, in dem Homeschooling legal ist, hoffe ich, dass Sie es als eine ernsthafte Möglichkeit in Betracht ziehen werden. Wenn Sie die Mittel haben, Ihre Kinder in ein Kunstcamp, ein Wildnisprogramm, ein Jahr Auszeit oder eine ähnliche Bildungserfahrung zu schicken, hoffe ich, Sie geben ihnen diese Gelegenheit.

Auch wenn keine davon für Sie realistisch ist, hoffe ich, Sie glauben immer noch daran, dass es möglich ist, Ihrem Kind Bildung und nicht nur schnöde Schulbildung zu geben, denn das Gestalten des eigenen Lebens ist nicht das ausschließliche Recht der Privilegierten (und war es nie). Hier sind einige der wirklich nicht neuen, kostengünstigen Prinzipien, auf die ich in meiner eigenen Arbeit mit jungen Menschen immer wieder zurückgreife:

  1. Stellen Sie Engagement immer an erste Stelle. Wenn Sie engagiert sind – wenn Sie von dem, was Sie tun, fasziniert sind und den Zweck und die Relevanz darin sehen –, dann werden Sie es mehr genießen, härter arbeiten und dabei mehr lernen. Suchen Sie diesen Zustand des Engagements, wohin er auch führen mag, sogar auf Kosten von Noten, Testergebnissen, Hochschulrankings und Gehältern. Wenn Ihr Kind sich voll und ganz an der traditionellen Schule engagiert, ist das fantastisch; da gehört es hin. Wenn nicht, ist es an der Zeit, intensiv nach Alternativen zu suchen. Und wenn Sie nicht von Ihrer eigenen Arbeit eingenommen sind – wenn Sie jeden Tag nach Hause gehen und ein Bild vom Leben als Plackerei zeichnen –, dann ist das Überprüfen Ihres eigenen Berufswegs vielleicht der beste Weg, etwas für Ihre Kinder zu tun.

  2. Bildung durch Konsent. Die besten Pädagogen bieten Chancen, verhelfen zu Erfolgserlebnissen und sprechen offen – aber sie zwingen nicht. Sie haben hohe Erwartungen an ein Kind und bleiben gleichzeitig an der Seite dieses Kindes. Wenn ein standardisierter Test Ihren Sohn belastet und ihm keinen Nutzen bringt (nur für das Schulsystem), dann helfen Sie ihm, sich davon abzumelden, wie es in letzter Zeit mehr als 20% der Schüler bei standardisierten Tests im Staat New York taten. Wenn Sie Ihre Tochter als Homeschoolerin großziehen und sie im Alter von zwölf Jahren den klaren Wunsch äußert, wieder zur Schule zu gehen, dann erfüllen Sie ihren Wunsch. Wenn Ihre Kinder sich für Musikunterricht anmelden und dann aufhören wollen, wenn es hart auf hart kommt, dann erklären Sie geduldig, warum Sie denken, dass es sich lohnt, durchzuhalten, hören Sie ihre Gegenargumente, diskutieren Sie miteinander, und wenn sie trotzdem aufhören wollen – dann sagen Sie den Unterricht ab. Im Konsent zu leben und dies ernst zu nehmen, macht Sie nicht zu einem nachgiebigen, sondern zu einem respektvollen Elternteil.

  3. Bringen Sie das Leben online und offline in Einklang. Die moderne Informationstechnologie ist wirklich revolutionär, und ihre Macht zu leugnen, wäre eine Torheit. Jeder Jugendliche, der nicht gut googlen kann, ist in der Tat in seinem Lernpotenzial behindert. Aber das Internet kommt nicht mit einem Benutzerhandbuch; junge Menschen brauchen unsere Hilfe, um die Wahrheit von Fiktion und wertvolle Ressourcen von süchtig machenden Ablenkungen zu unterscheiden. Sie brauchen auch Hilfe, zu sehen, was möglich ist, wenn Sie Ihr Handy für ein paar Stunden (oder ein paar Tage) in den Flugzeugmodus schalten: die lebensverändernde Kraft eines guten Buches, eine lange Wanderung oder ein ununterbrochenes Gespräch. Leben Sie Zurückhaltung vor, indem Sie Ihre eigenen Geräte wegräumen, bevor Sie Ihre Kinder bitten, dasselbe zu tun.

  4. Gewähren Sie Freiheit und Verantwortung. Lassen Sie Ihre Kinder ihr eigenes Leben gestalten, hier und jetzt. Geben Sie ihnen eine echte Wahl, echte Privatsphäre, echte Gewinnchancen und echte Chancen, zu scheitern. Ermutigen Sie sie, ein Unternehmen zu gründen, eine Dienstleistung für Fremde anzubieten, ein Produkt auf den Markt zu bringen. Lassen Sie sie ihr eigenes Zimmer, ihr eigenes Telefon, ihre eigenen Ersparnisse haben – und wenn sie im Dreck leben, ihr Telefon kaputt machen oder kein Geld mehr haben, lassen Sie sie diese Realität erleben. Anstatt jeden Moment ihres Lebens zu planen, geben Sie ihnen etwas wirklich ungestörte persönliche Zeit. Werfen Sie sie an einem Samstagnachmittag aus dem Haus und sagen Sie ihnen, dass sie zum Abendessen wiederkommen sollen. Bewahren Sie sie nicht vor jedem Kratzer, blauen Fleck, Versagen oder Enttäuschen. Nur dann werden ihre Siege ihre eigenen sein.

Am Ende spielt Schule eine kleine Rolle in dem Stück, das wir »Erwachsenwerden« nennen. Es sind unsere langweiligen, alltäglichen Interaktionen mit Kindern, die sie in ein Leben voller Engagement, Zustimmung und Verantwortung führen. Jeder Erwachsene ist grundsätzlich ein Lehrer, und jeder Elternteil ist grundsätzlich ein Homeschooler. Unsere Aufgabe ist es, Kindern eine echte Bildung zu ermöglichen, mit oder ohne Schule, und unseren Erfolg zu gestalten, indem wir uns ständig weiterbilden. Keine Mission ist wichtiger oder lohnender.



Dieser Artikel wurde ursprünglich von Tipping Points am 15. Mai 2017 veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung wurde von Unerzogen erstellt und hier mit Genehmigung abgedruckt.